Wer zahlt das Gratis-Konzert für Senioren, das nun zum 15. Mal im Insel-Saal genossen und mit Beifall quittiert wurde? Die Münchner Kulturstiftung des Halbleiterhändlers Erich Fischer kommt für die Künstler- und Reisekosten auf. Die Stadt Konstanz spendiert Saal- und Flügelmiete, Kaffee und Kuchen lassen Sponsoren auffahren. Fast wäre die Tradition (immer nahezu voller Saal und gut 150 vergnügliche Minuten für fortgeschrittene Jahrgänge) unterbrochen worden.
Aber dank Uwe Schwedens Aktivität, privater Großzügigkeit und fördernder SÜDKURIER-Federn konnte es weitergehen - dafür gab es Applaus vor den ersten Klängen. Die stimmten festlich ein mit Barockem, dazu blies Hartmut Zimmermann von der Fischer-Stiftung die melodische Trompete zu Händelschen Arien-Noten.
Das Programm war ein buntes Tafelkonfekt, serviert mit 14 kleinen, vielfach virtuos drapierten Köstlichkeiten, die als abwechslungsreiches Töne-Ballett arrangiert waren: "Tanz - beschwingte Lebenskraft" verhieß das Motto. Sieben junge Solisten beförderten klassische und modernere Kurzweil in den Saal. Die Sopranistin Eva Maria Schramm brachte mit Opern-Stimme den "Monica-Walzer" von Menotti mit Puccini-Schmelz aus der Kehle. Die Mezzosopranistin Annelie Staude führte die "Carmen-Habanera" reizvoll mit Stimme und Gestik vor. Der Tenor Björn Adam verstand es, den Schumann-Gesängen vom "Armen Peter" und dem "Spielmann" eine romantische Prise Balladen-Dramatik zu geben.
In "Liebeslieder-Walzern" von Brahms und im Abschiedsterzett aus Mozarts "Idomeneo" erreichten die Stimmen wohllautende Duett- und Ensemblefülle. Folkoristisch bunt und rhythmisch mischten sich Oboen- und Geigenklang in Bartóks Duo-Tänzen (Hanna Hirosawa und Maria Lomonosova), bravourös ließ der Cellist Philipp Hagemann eine Popper-"Tarantella" von den Saiten tanzen, kräftig mischten sich Streichertöne und Klavierspiel (René Speer, der auch zwei Tänze von Bach mit Eleganz aus dem Flügel zauberte) in Piazzollas Frühlings-Tango. Zwischendurch durfte das Publikum mitsingen, am Ende zu Kálmáns "Csardasfürstin" ein kleines Tänzchen drehen. Vor allem tanzten die Hände bis zur Zugabe mit.
Helmut Weidhase
10.05.2007 13:49 Suedkurier.de
SÜDTHÜRINGISCHES KAMMERORCHESTER - Zweite Klassiknacht auf Schloss Wilhelmsburg - Reise durch Raum und Zeit
VON
MARGIT DRESSEL
Violine, Bratsche und Cello in der Schlosskapelle,
Klavier im Tafelgemach, Kammerorchester auf der Pfalzterrasse: Mit der 2.
Klassiknacht auf Schloss Wilhelmsburg am Samstagabend schloss das Südthüringische
Kammerorchester (SKO) erneut historische Räume mit Klängen auf.
SCHMALKALDEN – Das Konzert war ausverkauft. Trotz des kleinen WM-Finales, das Deutschland gegen Portugal gewinnen konnte. Orchestergründer Wolfgang Fuchs freute sich sehr über die Resonanz auf sein musikalisches Angebot. Zumal der Kartenvorverkauf recht schleppend vorangegangen war.
„Es ist schön, wenn Musik und Räume verbunden werden“, waren die Konzertbesucher von dem Programmkonzept der privaten Orchesterstiftung begeistert. Zum Auftakt stimmten Wolfgang Fuchs (Violine) und Gabriel Krappmann (Bratsche) in der Schlosskapelle mit Duetten von Johann Sebastian Bach und Carl Stamitz ein. Philipp Hagemann (Violoncello) aus Würzburg ist dem Stammpublikum des SKO gut bekannt. Als exzellenter Cellospieler setzte er bereits bei einigen SKO-Konzerten Glanzpunkte. Für die Klassiknacht wählte er die 3. Cellosuite von Bach aus. Präzise und voller Gefühl war sein Spiel, mit dem er die Zuhörer in den Zauber klassischer Musik hineinzog.
Erfreulicherweise wagte es die Orchesterstiftung, eine moderne Komposition ins Programm aufzunehmen. Der junge Geiger Stephan Knies aus Würzburg stellte sich zunächst mit der Solosonate C-Dur von Bach als konzentriert-sensibler Solist vor. Dann versank er geradezu in die Solosonate 27/3, einer Ballade, die der Belgier Eugene Ysaye dem Geiger George Enescu widmete. Harmonische Bögen ließ er abrupt abbrechen, Blitze aufzucken, den Sturm peitschen und Vögel singen.
Jede Facette des Instruments reizte diese Komposition aus. Knies, eins mit seiner Geige, schuf diese enorme Dramatik mit leichter Hand. Weckte mit seinem Können Aufmerksamkeit für Musik, die nicht so bekannt und für manche auch „gewöhnungsbedürftig“ ist.
Gesprächsstoff gab es also genug während der Pause auf dem Schlosshof, wo Getränke und ein kleiner Imbiss aus einheimischer Produktion gereicht wurden. Im Tafelgemach brachte Prof. Ulrich Urban zwei ganz unterschiedliche Klaviersonaten nahe. Der bekannte Pianist und Hochschullehrer aus Leipzig half dem Publikum, die Werke einzuordnen und besser zu verstehen. Klassische Musik soll sinnlicher Genuss und geistige Herausforderung zugleich sein, so das Konzept der Stiftung SKO. Mit Mozarts Sonate in C-Dur bewies Prof. Urban, dass C-Dur keinesfalls nur eine „Einstiegstonart“ für Anfänger ist, ließ das leichte Allegro moderato perlen und legte unter das Andante cantibile jene Trauer, die Mozart in das ansonsten heitere Werk hineingeschrieben hat.
In c-Moll versetzte der Interpret mit der Großen Sonate, die Franz Schubert in seinem Todesjahr schrieb. Mit wenigen Worten vermochte Prof. Urban zu illustrieren, wie Schubert diese Musik als Hommage an Ludwig van Beethoven schrieb. Dabei aber Musik, die erst Jahrzehnte später komponiert werden sollte, voraus ahnte.
Der Pianist ließ mit seiner Interpretation ahnen, dass Schubert mit diesem Werk dem Zenit seines Schaffens zustrebte, als ein früher Unfalltod ihn dahinraffte. Die dramatische Fülle nur des einen Satzes, den Prof. Urban gab, schloss von der Dramaturgie des Konzerts an Ysaye‘s Sonate an. Auf der Pfalzterrasse präsentierten sich Musiker der Stiftung SKO als Kammerorchester. Weinzirler – Trio Nr. 21 von Joseph Haydn und 12 deutsche Tänze führten am Schluss fast unmerklich zur schwarz-rot-goldenen Sieger- und Feierlaune dieser Sommerwochen.
Für das Programm haben wiederum alle Mitwirkenden Herzblut vergossen. Denn so leicht, wie die klassischen Klänge durch die Räume schwebten, ist es nicht, ein privat finanziertes Orchester auf die Beine zu stellen. Aber diese Mühen waren für Wolfgang Fuchs und die Stiftungsgründer an diesem Sommerabend des Erfolgs kein Thema.
Weltmeisterlich: Das Kammerorchester der Stiftung auf der Pfalzterrasse von Schloss Wilhelmsburg begeisterte das Publikum genauso wie die Solisten, die in der Schlosskirche und Hofstube auftraten. FOTO: MARGIT DRESSEL
Freies-Wort Online
Herzenssache
DEBÜT: 13 Musiker mit vier Solisten des neu gegründeten Südthüringer Kammerorchesters begeisterten ihre Zuhörer in Sankt Jakobus.TA-Foto: K.-H. VEIT
Stiftung Südthüringisches Kammerorchester begeisterte in der Ilmenauer Jakobuskirche mit dem Debütkonzert
Die
Stiftung Südthüringisches
Kammerorchester stellte
sich als junger Klangkörper
dem Ilmenauer Konzertpublikum
in der Jakobuskirche
mit einem barocken
Programm vor.
ILMENAU (it).
Ein neuer, leuchtender Stern ist am Thüringer Kulturlandschaftshimmel aufgegangen — die Stiftung Südthüringisches Kammerorchester. Dies gleicht fast einem Wunder in Zeiten des großen öffentlichen „Kassen-Jammers" und der Abwicklungen von kulturellen Institutionen, gerade im Musik- und Theaterbereich.
Dem Ilmenauer Konzertpublikum stellten sich vergangenen Freitagabend die 13 Musiker des seit Anfang diesen Jahres agierenden respektablen Klangkörpers unter der Leitung ihres Dirigenten Otto-Georg Moosdorf in der Jakobuskirche vor.
Knapp 70 Zuhörer begrüßte Pastorin Astrid Reidemeister. Die Neugier und gespannte Erwartungshaltung auf beiden Seiten sollte sich bereits nach dem herzlichen Begrüßungsbeifall und den Klängen des Concerto grosso op. 6 Nr.7, D-Dur, von Arcangelo Corelli lösen und sofort in Sympathie umschlagen. Ein chorisches Musizieren voller Leichtigkeit und schwungvoller Dynamik brachte einen Sound hervor, der sich angenehm ins Ohr schmeichelte.
Otto-Georg
Moosdorf arbeitet mit hoch motivierten, bestens ausgebildeten
und engagierten, fast durchweg jungen
Musikern, die es wirklich wissen wollen
und denen das Musizieren Herzenssache
zu sein scheint. Aus dem Orchester
heraus traten bei den jeweiligen Programmpunkten die Solisten und zeigten
mit viel Engagement und Können ihre Musizierkunst.
Philipp Hagemann, Cello,
hatte neben den Sologeigen einen
besonders schönen und schwierigen
Part beim Vivaldi - Concerto zu absolvieren.
Das vom Orchesterleiter zusammen gestellte Programm von Barockmusik gestattete einen interessanten Einblick in die Musizierpraxis jener Zeitepoche, als von Italien ausgehend die Concerti grossi boomten. Seine sparsam und als angenehm empfundenen kurzen Erläuterungen zu den Stücken wie zu musikgeschichtlichen Hintergründen und Zusammenhängen konnten das Hörerlebnis beim Publikum nur verstärken.
Italienische und deutsche Musizierweise im Vergleich zwischen Corelli und Vivaldi auf der italienischen Seite und Händel, Telemann und Bach auf der deutschen Seite dargeboten zu bekommen, entbehrte nicht eines besonderen Reizes.
Wie im Fluge vergingen knapp anderthalb Musizierstunden beim Ilmenauer Debütkonzert. Dass die hoch zufriedenen Konzertbesucher auch beim nächsten Konzert der Musiker aus Thüringen, Sachsen und Bayern mit dabei sein werden und jeder noch jemanden mitbringt, dürfte als sicher gelten.
Süddeutsche Zeitung am 29.01.2002
Gebändigtes Chaos
Kammerkonzert in Gräfelfing mit Uraufführung
Gräfelfing - Es ist ein häufig zu hörender Vorwurf: Moderne Musik könne man nicht genießen, ihr klanglicher Duktus, ihre Struktur sei reine Willkür. Umso schwieriger ist es da, ein Publikum zum Zuhören zu bewegen. Gut, wenn sich ein junges Ensemble an moderne Klassiker wagt. So wie am vergangenen Sonntag im Gräfelfinger Bürgerhaus. Die deutsche Erstaufführung des "Marche oubliée" unternahm ein junges Klaviertrio:
Der Violinist Stephan Knies, der Cellist Philipp Hagemann und Ulrich Maier am Piano. Der "vergessene Marsch", ein Werk des in Dublin lebenden Komponisten Raymond Deane, ist nach der Lehre Schönbergs gearbeitet. Aus einem streng rhythmisierten, aus zwei Intervallen bestehenden Motiv entwickelt sich ein Marsch, der keiner ist. Das anfängliche Grave dekonstruiert die Anklänge an Strauß, ans Militärische. Aus den dunklen Tonschwaden des Beginns steigen bizarre Klänge hervor: Dazu kann man nicht Und doch wirkt diese Musik aufgeräumt.
Ein Verdienst des Komponisten, aber noch mehr der drei Musiker, die jedem Detail des Textes nachspüren. Weniger nach Detailarbeit klang Mendelssohn-Bartholdys Klaviertrio in d-moll. Virtuos zwar das Piano, doch müssen sich die drei Musiker die eine oder andere Ungenauigkeit vorwerfen lassen, vor allem im Schlusssatz blieb es beim Ungefähren. Für das "Quartett für das Ende der Zeit" von Olivier Messiaen holte sich das Trio die Klarinettistin Ulrike Geiger auf die Bühne. Messiaen schrieb dieses auf der Johannesoffenbarung basierende Werk während des zweiten Weltkrieges in einem Kriegsgefangenenlager; dort wurde es auch uraufgeführt. Und es ist anrührend, wie viel Zuversicht, wie viel Wärme und Hoffnung in diesem Werk stecken.
Der erste Satz, die "Liturgie aus Kristall" erhebt mit Vogelgesang und klingendem Licht die Stimme gegen die Niederungen menschlichen Seins. Es ist ein Werk über die Zeit, und die Zeit scheint darin aufgehoben, die Entropie umgekehrt, das Chaos gebändigt. Äußert konzentriert, bis an die Grenze ihrer Belastbarkeit musizierten die vier jungen Künstler, darauf bedacht, dass kein Ton verloren gehe. Der dritte Satz, der "Abgrund der Vögel", verlangt das Äußerste vom Klarinettisten, musikalisch, körperlich und seelisch. Ulrike Geiger versenkte sich ganz in der Transzendenz dieses Abgrunds. Beklemmend schön auch der fünfte Satz, das "Lob auf die Ewigkeit Jesu": Mit einer fast physischen Intensität gelang Hagemann der große Bogen der Cello-Kantilene, die ihr Gegenstück im letzten Satz hat, im "Lob auf die Unsterblichkeit Jesu". Nach dem Solo von Knies blieb das Publikum ehrfürchtig-verstört zurück, wagte es nicht, die Meditation mit Applaus zu zerstören. Und in die Zeit zurückzukehren.
JOCHEN EICHNER